Nachdem sich Social Media inzwischen wieder ein bisschen runtergekühlt hat und die Kommentarspalten nicht mehr komplett im Ausnahmezustand sind, können wir ja mal was ganz Verrücktes machen:
Zurück zu den Fakten.
Kurzer Recap für alle, die beim ganzen Drama irgendwann den Überblick verloren haben:
Ein Journalist veröffentlicht ein Foto, auf dem eine Leiche in einem Autowrack zu sehen ist.
Ein Blogger – also ich – entdeckt das Ganze, recherchiert dazu und berichtet darüber.
Danach folgt eine Stellungnahme des Verantwortlichen, inklusive Entschuldigung.
Bis hierhin könnte man sagen:
Okay, Fehler passiert, Entschuldigung da, Thema durch.
Tja.
Wäre fast zu einfach.
Denn wenn man sich diese Stellungnahme mal nicht nur im Vorbeiscrollen reinzieht, sondern tatsächlich genauer anschaut, wird’s ziemlich interessant.
Also gehen wir einmal tiefer rein.
Es gibt Stellungnahmen, die klären etwas.
Und es gibt Stellungnahmen, die schaffen es, aus einem eigenen Fehler eine kleine Netflix-Serie mit Nebenfiguren, Rückblenden, Antagonisten und überraschendem Staffelfinale zu machen.
Diese hier gehört eher zur zweiten Kategorie.
Beginnen wir trotzdem freundlich:
Dass man sich für einen schweren journalistischen Fehler entschuldigt, ist richtig.
Wirklich. Das begrüße ich sehr.
Wenn auf einer Nachrichtenseite ein Foto erscheint, auf dem ein Verstorbener zu sehen ist, dann sollte man sagen:
Fehler.
Mein Fehler.
Tut mir leid.
Konsequenzen gezogen.
Das wäre kurz, klar und erwachsen.
Die Stellungnahme beginnt tatsächlich ungefähr so.
Und für einen kurzen, wunderschönen Moment denkt man:
Ah. Verantwortung. Stark.
Dieser Moment hält leider nicht besonders lange.
„Körperteile“
In der Stellungnahme ist von „Körperteilen einer verstorbenen Person“ die Rede.
Das ist sprachlich schon ziemlich elegant.
Denn „Körperteile“ klingt nach:
Irgendwo hinten rechts möglicherweise ein Fuß. Vielleicht ein Arm. Eventuell eine Hand. So ein Detail halt. Blöd gelaufen.
Nach meiner Recherche war auf dem Bild allerdings der Körper des Verstorbenen nahezu vollständig zu sehen, kopfüber im Wrack. Nur der Kopf war nicht sichtbar. Entsprechende Nachweise liegen mir vor.
Das ist ungefähr so, als würde man sagen:
„Auf dem Parkplatz standen einzelne Fahrzeugteile.“
und meinen:
„Da stand ein kompletter Linienbus.“
Technisch vielleicht nicht vollständig gelogen. Aber kommunikativ schon sportlich.
Man muss jedenfalls kein Bildforensiker sein.
Kein Zoom.
Kein Spezialmonitor.
Keine NASA-Technik.
Keine Folge „CSI Wuppertal“.
Einfach:
Bild anschauen.
Mensch sehen.
Fertig.
„Trotz aufmerksamer Kontrolle“
Dann heißt es sinngemäß, das Ganze sei trotz aufmerksamer Kontrolle nicht aufgefallen.
Dieser Satz hat etwas fast Zen-Buddhistisches.
Denn wenn man sehr aufmerksam kontrolliert und dabei das Offensichtliche nicht sieht:
War die Kontrolle dann aufmerksam?
Oder war sie eher spirituell anwesend?
Vielleicht wurde das Foto nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen geprüft.
Wer weiß.
Mittlerweile liegen mir auch Nachweise darüber vor, dass nicht nur das eine Bild veröffentlicht wurde sondern auch Videomaterial mit sichtbarer Leiche an mindestens einen TV-Sender verkauft wurde.
Das wirft natürlich eine klitzekleine Frage auf:
Wie sieht eigentlich eine unaufmerksame Kontrolle aus?
Bild gar nicht öffnen?
Monitor ausschalten?
Augen schließen und auf journalistische Intuition vertrauen?
Normalerweise funktioniert Bildkontrolle ungefähr so:
Bild öffnen.
Bild ansehen.
Erkennen, was drauf ist.
Entscheiden.
Das ist kein geheimer Berufstrick aus der Journalistenschule. Dafür braucht man keinen Presseausweis aus Hogwarts.
Man muss tatsächlich nur hinschauen.
Verrückt, ich weiß.
20 Jahre journalistische Tätigkeit
Anschließend wird die große Erfahrungskarte gespielt.
20 Jahre journalistische Tätigkeit.
Klingt beeindruckend.
Nach meiner Recherche ist der Verantwortliche 33.
Das ergibt einen Berufsstart ungefähr mit 13.
Stabil.
Andere mussten damals noch ihre Eltern fragen, ob sie bis 22 Uhr draußen bleiben dürfen.
Hier offenbar schon:
„Mama, ich komm später. Redaktionsschluss.“
Kann natürlich sein.
Vielleicht gab es mit 13 schon investigative Langformate zwischen Mathehausaufgaben und Jugendzentrum.
Ich konnte dafür bislang nur keine nachvollziehbaren Belege finden.
Nach ausführlicher Recherche bin ich bei März 2014 als frühestem journalistischen Nachweis gelandet, erste veröffentlichte Fotos fand ich aus 2011 – wenn also irgendwo noch die legendären Reporterjahre aus der Mittelstufe schlummern, immer her damit.
Und genau da liegt das Problem.
Wenn man seine Berufserfahrung ausdrücklich als Argument für Glaubwürdigkeit benutzt, sollte die Zahl wenigstens nicht direkt eine kleine Rechenaufgabe mit Fragezeichen auslösen.
„Nur kurze Zeit“
Dann kommt mein persönlicher Favorit:
„Es war nur für kurze Zeit überhaupt abrufbar.“
Kurze Zeit.
Sehr beruhigend. Klingt nach drei Minuten. Vielleicht sieben. Maximal ein Kaffee.
Nach meiner Recherche:
mindestens 18 Stunden.
18 Stunden. Fast ein kompletter Tag.
Aber gut. Seis drum.
Vielleicht gelten journalistisch andere Zeitzonen. Vielleicht sind 18 Stunden im Presseuniversum so etwas wie „eben kurz“.
Dann ist ein Wochenende vermutlich „gleich wieder da“.
Man weiß es nicht.
Im Internet jedenfalls reichen 18 Stunden für ziemlich viel.
Sehen.
Speichern.
Teilen.
Screenshot.
Weiterleiten.
Archivieren.
Also alles, was das Internet eben so macht, wenn etwas online steht.
Und jetzt: Plot Twist
Bis hierhin wäre die Sache eigentlich klar.
Ein schwerer Fehler wurde gemacht.
Man entschuldigt sich.
Man erklärt, was verbessert wurde.
Ende.
Doch dann passiert etwas dramaturgisch Großes:
Der böse böse Blogger erscheint.
Musik setzt ein.
Kamera zoomt ran.
Aus dem dunken Rauch erscheint eine Schattengestalt.
Plötzlich geht es nicht mehr nur um das Foto.
Es geht um mich.
Meinen Blog.
Eine „Initiative“.
Angebliche frühere Schädigungsversuche.
Eine Bedrohung.
Eine Haustür.
Eine Familie.
Und irgendwann fragt man sich:
Moment. Worum ging es nochmal?
Ach ja.
Um das veröffentlichte Foto eines Verstorbenen.
Fast vergessen.
Die ominöse „Initiative“
Ich betreibe einen Blog.
Dort recherchiere ich.
Ich prüfe Aussagen.
Ich frage nach.
Ich dokumentiere.
Ich veröffentliche. Mit Fakten.
Das wurde in der Stellungnahme sinngemäß als eine Art „Initiative eines privaten Bürgers“ beschrieben.
Das klingt natürlich deutlich spannender.
„Blogartikel“ ist auch einfach ein bisschen langweilig in der heutigen Zeit. Social Media sei dank.
„Initiative“ hat direkt etwas von Untergrundzelle.
Vielleicht noch:
Operation Kommentarspalte.
Faktisch habe ich über einen Vorgang berichtet.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Ich habe weder die Adresse des Verantwortlichen veröffentlicht noch dessen Wohnort oder Identität verraten.
Deshalb bleibt diese kleine logische Perle:
Wie soll mein Artikel jemanden zu einer Adresse geführt haben, die darin gar nicht steht?
Vielleicht per Telepathie.
Vielleicht über kosmische Energie.
Vielleicht gibt es aber auch einfach keinen belegten Zusammenhang.
Auch eine Möglichkeit.
Bedrohungslage: große Behauptung, kleine Beleglage
Dann wird es ernster.
Es soll jemand vor der Haustür aufgelauert haben.
Mein Beitrag soll dabei als Auslöser genannt worden sein.
Das ist keine Kleinigkeit.
Wenn so etwas passiert ist, ist es völlig inakzeptabel. Ich verurteile das aufs schärfste!
Punkt.
Nur folgt daraus noch lange nicht automatisch:
Der Blogger ist verantwortlich.
Deshalb habe ich bei der Polizei nachgefragt.
Nach der mir erteilten Auskunft konnte dort weder eine entsprechende Bedrohungslage noch ein dazugehöriger Polizeieinsatz bestätigt werden.
Das beweist nicht, dass niemals irgendjemand irgendwo vor irgendeiner Tür stand.
Aber wenn man öffentlich einen Zusammenhang zwischen meinem Artikel und einer angeblichen Bedrohung herstellt, wäre ein Beleg schon ganz nett.
So als kleines journalistisches Extra.
Nennt sich Quellenlage.
Aber das ist ja nicht das erste mal das hier eine strafbare Handlung gegen ich konstruiert wird. Doch mehr dazu später.
„Dritte Offensive“
Dann wird es endgültig filmreif.
In den Kommentaren heißt es sinngemäß, ich hätte bereits zweimal versucht, dem Verantwortlichen bei öffentlichen Stellen mit falschen Behauptungen zu schaden.
Nun sei das hier die:
„dritte Offensive“.
Ja moin.
„Dritte Offensive“.
Es fehlt eigentlich nur noch:
„Der Feind rückt aus Richtung Langerfeld vor.“
Wir sprechen über einen Blogbeitrag.
Über Text.
Über Recherche.
Über Kritik.
Über Fakten.
Nicht über eine militärische Lagebesprechung.
Wenn man aber schon so dick aufträgt, hätte ich gerne den langweiligen Teil:
Welche falsche Behauptung?
Wann?
Wo?
Gegenüber wem?
Wie widerlegt?
Mit welchem Beleg?
Denn „Offensive“ klingt wahnsinnig stark.
Fakten wären stärker.
Und ganz nebenbei ist diese Antwort ja wirklich ein kleines Meisterwerk unfreiwilliger Offenheit: Auf die Vermutung, die Sache könne eine Revanche für die Anzeigen wegen Falschparkens sein, folgt nicht etwa ein klares „Nein, die Anzeigen hatten damit überhaupt nichts zu tun“. Stattdessen wird freundlicherweise gleich erklärt, dass diese Anzeigen „wiederum“ auf angebliche vorherige Versuche eines direkten Konkurrenten zurückzuführen gewesen seien.
Mit anderen Worten: Der Zusammenhang zwischen dem persönlichen Konkurrenzkonflikt und den Anzeigen gegen mich wird nicht einmal von außen konstruiert – er wird gleich selbst mitgeliefert. Ich sagte ja ich komme daraufg zurück.
Natürlich ist das selbstverständlich überhaupt keine Revanche. Man zeigt einen Konkurrenten lediglich an, weil dieser einem zuvor angeblich schaden wollte. Ein vollkommen zufälliger, rein sachlicher Zusammenhang also. Geradezu rührend, wie praktisch sich persönliche Konflikte und der Gang zu öffentlichen Stellen manchmal ergänzen.
Bemerkenswert ist jedenfalls, dass man zur Widerlegung des Vorwurfs einer persönlichen Revanche ausgerechnet erklärt, dass die eigenen Anzeigen eine Reaktion auf das vorherige Verhalten des Konkurrenten gewesen seien. Viel eleganter kann man einen Punkt eigentlich kaum selbst bestätigen, ohne ihn ausdrücklich bestätigen zu wollen.
Hier gehts zum Artikel zu einer der Anzeigen

Kommentarhygiene
Besonders interessant wird eine Debatte immer dann, wenn Vorwürfe sichtbar bleiben, Gegenargumente aber verschwinden.
Das ist kommunikativ natürlich extrem effizient.
Man kann eine Diskussion auf zwei Arten gewinnen.
Erstens:
Das bessere Argument haben.
Oder zweitens:
Die anderen Argumente löschen.
Variante zwei spart Zeit.
Danach sieht die Kommentarspalte herrlich eindeutig aus.
Alle nicken.
Alle stimmen zu.
Alle finden dieselbe Person doof.
Demokratische Willensbildung durch Moderationsbutton.
Modern.
Auch diese Fakten möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten

Was hier eigentlich passiert
Nun kann man sich diese Kommunikationsweise anschauen, ohne irgendjemanden psychologisch zu diagnostizieren.
Das wäre unseriös.
Aber Muster kann man beschreiben.
Und das Muster ist ungefähr:
Fehler eingestehen.
Dann:
Fehler verkleinern.
Dann:
Umstände erklären.
Dann:
Verantwortung verteilen.
Dann:
Kritiker problematisieren.
Dann:
Selbst zum Betroffenen werden.
Das ist schon eine beachtliche narrative Reise.
Verantwortung in homöopathischer Dosierung
Am Anfang:
„Mein Fehler.“
Kurz danach:
„Körperteile.“
„Kurze Zeit.“
„Aufmerksame Kontrolle.“
Man könnte sagen:
Die Verantwortung ist da.
Aber in einer Dosierung, bei der sich sogar Globuli fragen würden, ob das noch wirkt.
Denn sprachlich wird aus einem ziemlich klaren Vorgang Stück für Stück etwas Weicheres.
Nicht falsch genug, um sofort aufzufallen.
Aber weich genug, damit alles weniger schlimm klingt.
Auch eine Kunstform.
Externe Faktoren, überall externe Faktoren
Dann tauchen Erklärungen auf.
Polizei.
Informationslage.
Nicht gewusst.
Nicht gesehen.
Später:
Blogger.
Kommentare.
Bedrohung.
Frühere Vorgänge.
Die Verantwortung macht irgendwann eine komplette Stadtrundfahrt.
Start:
eigene Veröffentlichung.
Ziel:
irgendwo beim Kritiker.
Das kann kommunikativ angenehm sein.
Denn statt sich dauerhaft mit dem eigenen Fehler zu beschäftigen, kann man plötzlich sagen:
„Ja, aber die anderen.“
Einer der ältesten Klassiker der Menschheitsgeschichte.
Direkt hinter:
„War ich nicht.“
und:
„Der hat angefangen.“
Ungefähr so, wie damals auf dem Spielplatz beim täglichen Sandkasten-Drama: „Der hat mir mein Förmchen geklaut“,
Vom Fehlermacher zum Leidtragenden
Der emotionale Schwerpunkt verschiebt sich dabei ziemlich elegant.
Anfang:
Verstorbener.
Angehörige.
Fehler.
Veröffentlichung.
Später:
Eigene Familie.
Eigene Haustür.
Eigene Bedrohung.
Eigene Belastung.
Das verändert die Geschichte komplett.
Aus:
„Ich habe etwas Problematisches veröffentlicht.“
wird:
„Ich werde jetzt problematisch behandelt.“
Und plötzlich steht man kommunikativ nicht mehr nur in der Rolle des Verantwortlichen.
Sondern auch in der Rolle des Opfers.
Das ist natürlich deutlich angenehmer fürs Publikum.
Social Media liebt sowas
Social Media ist für diese Art Erzählung gebaut.
Komplexe Fakten?
Schwierig.
Emotion?
Her damit.
Eine nüchterne Version lautet:
Ein Bild wurde veröffentlicht.
Ein Verstorbener war sichtbar.
Es war mindestens 18 Stunden online.
Einige Aussagen sind erklärungsbedürftig.
Andere Behauptungen sind nicht belegt.
Korrekt.
Aber emotional eher Kartoffelsuppe.
Viel besser:
Meine Familie!
Meine Haustür!
Dieser Blogger!
Dritte Offensive!
Zack: Engagement.
Denn Social Media belohnt keine Fußnoten. Es belohnt Gefühle.
Fakten brauchen länger als Empörung
Ein Faktencheck braucht:
Kontext.
Chronologie.
Belege.
Einordnung.
Empörung braucht:
Drei Ausrufezeichen und einen Bösewicht.
Das ist ein unfairer Wettbewerb.
Wenn jemand schreibt:
„Das Bild war mindestens 18 Stunden online.“
muss man vielleicht erklären, woher die Zeitangabe stammt.
Wenn jemand schreibt:
„Dieser Blogger will mich fertigmachen!“
ist die emotionale Story sofort da.
Held.
Opfer.
Schurke.
Publikum.
Fertig.
Shoot the Messenger, jetzt mit WLAN
Das Prinzip ist alt.
Eine unangenehme Nachricht wird nicht dadurch falscher, dass man den Überbringer unsympathisch macht.
Aber rhetorisch funktioniert es trotzdem.
Also wird aus:
„Warum wurde dieses Foto veröffentlicht?“
irgendwann:
„Warum berichtet dieser Blogger darüber?“
Das ist ein grandioser Themenwechsel.
Denn die zweite Frage ist für den Verantwortlichen natürlich deutlich angenehmer. Über Motive anderer kann man stundenlang spekulieren. Über den eigenen Upload-Button weniger.
Echokammer Deluxe
Und wenn dann in den Kommentaren alle dieselbe Geschichte erzählen, passiert etwas sehr Menschliches:
Wiederholung fühlt sich irgendwann nach Wahrheit an.
Person A:
„Unfassbar, dieser Blogger.“
Person B:
„Sehe ich genauso.“
Person C:
„Absolut.“
Person D:
„Endlich sagt es mal jemand.“
Person E hat eine Gegenfrage.
Person E ist plötzlich nicht mehr da.
Und schon haben wir 100 Prozent Zustimmung.
Wissenschaftler nennen das vermutlich nicht exakt so.
Ich nenne es:
Kommentarspalten-Marktforschung.
Das Nervige an Fakten
Fakten haben leider eine unangenehme Eigenschaft.
Sie interessieren sich nicht dafür, wer sympathischer wirkt.
Sie reagieren nicht auf Likes.
Sie ändern sich nicht, weil jemand emotionaler schreibt.
Wenn ein Bild 18 Stunden online war, dann wird daraus durch genug Empörung nicht plötzlich eine Viertelstunde.
Wenn eine Adresse in einem Artikel nicht genannt wurde, erscheint sie nicht rückwirkend durch Kommentaraktivität.
Und wenn eine Behauptung unbelegt ist, wird sie nicht automatisch wahr, weil 40 Leute darunter ein Herz setzen.
Schade eigentlich.
Würde vieles vereinfachen.
Die Kurzfassung dieser Stellungnahme
Wenn man alles auf den Kern reduziert, liest sich die Entwicklung ungefähr so:
„Ich habe einen schweren Fehler gemacht.“
Dann:
„Aber eigentlich war gar nicht so viel zu sehen.“
Dann:
„Und lange war es auch nicht online.“
Dann:
„Und kontrolliert wurde natürlich aufmerksam.“
Dann:
„Außerdem bin ich sehr erfahren.“
Dann:
„Und jetzt reden wir bitte über den Blogger.“
Das ist schon fast beeindruckend.
Aus einem eigenen Fehler wird innerhalb kurzer Zeit ein Kommunikationsstück über die angeblichen Verfehlungen des Kritikers.
Erzähltechnik: 8/10.
Verantwortungsfokus: ausbaufähig.
Dabei wäre es so einfach gewesen
Eine wirklich starke Stellungnahme hätte ungefähr so ausgesehen:
Das Foto hätte niemals veröffentlicht werden dürfen.
Der Verstorbene war deutlich sichtbar.
Bei der Kontrolle wurde ein schwerer Fehler gemacht.
Das Bild blieb zu lange online.
Ich trage dafür die Verantwortung.
Ich entschuldige mich bei den Angehörigen.
Ich habe meine Abläufe geändert.
Fertig.
Keine Nebenhandlung.
Kein Blogger.
Keine Offensive.
Keine Initiative.
Kein dramaturgischer Dreiteiler.
Einfach Verantwortung.
Verrücktes Konzept.
Fazit
Die Entschuldigung am Anfang ist richtig.
Nur wird es schwierig, wenn direkt danach versucht wird, denselben Fehler sprachlich kleiner zu machen und den Fokus anschließend Stück für Stück auf andere zu verschieben.
Eine Entschuldigung ist besonders stark, wenn sie ohne eingebautes „aber“ auskommt.
Also:
„Ich habe einen schweren Fehler gemacht.“
Nicht:
„Ich habe einen schweren Fehler gemacht, aber jetzt würde ich euch gern 17 Minuten lang erklären, warum der Blogger eigentlich viel schlimmer ist.“
Denn am Ende bleibt eine ziemlich simple Tatsache:
Ich habe das Foto nicht veröffentlicht.
Ich habe es nicht freigegeben.
Ich habe die Kontrolle nicht durchgeführt.
Ich habe darüber berichtet. Mit Fakten.
Und falls die Berichterstattung unangenehm ist, kann das zwei Gründe haben.
Vielleicht ist der Blogger wirklich unfassbar nervig.
Oder:
Der Vorgang war einfach korrekt recherschiert und mit Fakten belegt.
Beides kann sogar gleichzeitig stimmen.
Nur ersetzt das eine nicht das andere.
Und ganz egal, wie dramatisch die Gegenstory erzählt wird:
Der Überbringer der schlechten Nachricht hat die schlechte Nachricht nicht verursacht.
Cheers
Update 30.09.2026
Mittlerweile gibt’s von der Stellungnahme offenbar gleich mindestens zwei verschiedene Fassungen. Ja moin.
Besonders spannend: Plötzlich wurde noch ergänzt, dass ich für die WZ fotografiere. Stand am Anfang komischerweise noch mit keinem Wort drin – kam dann erst später dazu. Kann man natürlich einfach mal nachträglich reinschreiben. Wird schon keiner merken.
Welchen Zweck diese Ergänzung haben soll, darf sich jeder selbst denken. Auf mich wirkt es jedenfalls ziemlich danach, als wolle man damit mich – und vielleicht gleich noch die WZ mit – ein bisschen in Missgunst bringen. Aber hey, bestimmt alles nur Zufall.
Blöd nur: Ich habe die ursprünglichen Fassungen natürlich als Screenshots vollständig gesichert. Der zeitliche Verlauf und die Änderungen sind also dokumentiert.
Komplett veröffentlichen darf ich die Screenshots aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht – deshalb gibt’s nur entsprechende Ausschnitte.
Aber keine Sorge: Nur weil man einen Text nachträglich ändert, verschwindet die erste Version nicht plötzlich aus dem Internet-Gedächtnis.


Damit haben wir dann wohl das nächste ziemlich deutliche Indiz dafür, wofür diese Stellungnahme offenbar wirklich gedacht ist.
Mit professioneller journalistischer Arbeit hat das Ganze aus meiner Sicht inzwischen jedenfalls nur noch sehr überschaubar viel zu tun. Statt sachlicher Aufarbeitung geht’s gefühlt immer weiter Richtung Stimmungsmache, persönliche Angriffe und öffentliches Schlechtmachen.
Und irgendwann wird aus „kritischer Berichterstattung“ eben nicht automatisch alles erlaubt – gewisse Grenzen können auch rechtlich ziemlich relevant werden.
Der Eindruck drängt sich jedenfalls auf: Hier soll vor allem gegen meine Person Stimmung gemacht werden, damit man bloß nicht zu lange über die eigenen Fehler reden muss.
Klassiker: Wenn die Sache selbst unangenehm wird, einfach denjenigen zum Problem erklären, der darauf hinweist.

